Christiane Wolff: Ich bin seit über 20 Jahren in der Kommunikation und im Networking aktiv – und habe bereits 2000 mein eigenes Frauennetzwerk „Nettwerk“ gegründet. Drum werde ich schon als „Miss Networking“ oder „Networking Queen“ bezeichnet. Die Verbindung zwischen Marketing, Kommunikation und PR ist einfach aus meiner Sicht perfekt, um nicht nur Menschen, sondern auch Marken erfolgreich zu positionieren.

Marketeers sind Spezialisten, wenn es um Marken geht. Aber wie steht es um die eigene Vermarktung, die Ich-Marke? „Verkaufen“ sich Marketeer auch selber marktgerecht? Oder tun sie sich genau da schwer?

Christiane Wolff: Ich glaube, hier kommen gleich zwei Dinge zusammen. Der Schuster hat zum einen in der Regel die schlechtesten Leisten. Und zum anderen sollten Kommunikationsexpert:innen und Marketeers es natürlich am besten wissen, wie es geht – und darum wollen sie es erst recht perfekt machen. Und diesem Anspruch gerecht zu werden, ist natürlich nicht so einfach. Da kann ich nur aus eigener Erfahrung empfehlen: einfach machen, viel ausprobieren und wenn möglich auch eine gewisse Leichtigkeit an den Tag legen.

Nicole Kremer: Ich stelle in meinen Interviews in der Tat immer wieder fest, wie schwer sich gerade Marketeers tun, sich selbst zu positionieren, ihre Ich-Marke darzustellen. Daher: Vor einem Interview, einer Key Note oder beim Netzwerken unbedingt mal seinen Elevator Pitch entwickeln, kann helfen sympathisch, dabei eloquent und pointiert rüberzukommen.

"Weiterbildung ist das Anti-Aging-Programm auch für Marketeers"

Nicole Kremer

Eigenvermarktung, Personal Branding – stellt Ihr da Unterschiede fest je nach Altersgruppe oder auch nach Geschlecht? 

Nicole Kremer: Da gibt es tatsächlich Unterschiede: Die Jüngeren unter uns sind es viel mehr gewohnt, haben es in der Schule, an den Unis gelernt, über sich selbst zu sprechen. Beim Geschlecht sehe ich nicht so den Unterschied. Ich beobachte vielmehr, wie brillant viele anglophil-geprägte Kandidaten in der Selbstdarstellung sind. Das schlägt sich in den CVs nieder, aber auch verbal im Interview. Und mehr und mehr findet man auch auf Linkedin spannende Profile und sieht, wer sich mehr Mühe gibt, sich prägnant und pointiert darzustellen. 

Ist es in Corona-geprägten Zeiten wie diesen wichtiger denn je, gut für sich zu trommeln?

Christiane Wolff: Wir leben schon seit langer Zeit in einer sich ständig schneller drehenden Welt, die auch immer digitaler wird. Das hat sich durch Corona weiter verstärkt. Einige Branchen – um nur ein paar zu nennen – ob Retail oder Consumer Goods, ob Travel & Entertainment, Transportation oder Automotive, und sicher als Vorreiter auch die Agenturbranche haben sie sich alle auf den Kopf stellen müssen. Und klar, es gab auch Kündigungen und Sparprogramme in diesen Branchen. Meine Erfahrung lautet: Nichts ist mehr sicher und jeder Tag ein neues Abenteuer. Sich um die eigene Karriere zu kümmern und zu Netzwerken war schon immer richtig und wichtig – und ist in diesen Zeiten noch mehr ein absolutes Muss.

Daran angeknüpft: Sollte man gerade im digitalen Zeitalter mehr an sich arbeiten – und das auch kommunizieren? 

Nicole Kremer: Die digitale Transformation hat zusätzlich an Fahrt aufgenommen. Die Anforderungen an die Kompetenzen und Fähigkeiten von Marketeers sind enorm gestiegen, die Spezialisierung innerhalb des Marketings nimmt weiter zu. Kontinuierliche Weiterbildung ist das Anti-Aging-Programm auch für Marketeers und bietet weitreichende Chancen spezielle Expertisen zu entwickeln, die auch vermarktungsfähig sind.

Kann denn wirklich jeder Marketeer sagen, dann und dann bin ich CEO? Gerade Corona hat doch gezeigt, wie wenig planbar unsere Zukunft ist. Wie „planbar“ ist Karriere überhaupt und wie langfristig setzt Ihr diese Planung an?

Nicole Kremer: Wer strategisch an die Karriereplanung herangeht, erhöht in jedem Fall die Wahrscheinlichkeit, lange erfolgreich zu sein. Natürlich wird nicht jeder Marketeer irgendwann mal CEO. Aber Marketing kann eine perfekte Ausgangsposition für verschiedenste weiterführende Aufgaben sein. Ob als Einsteiger, Umsteiger oder Weitermacher: Wer sich in seiner Karriere langfristig fit halten will, marktrelevant bleiben will, sollte sich immer mal wieder auf den Prüfstand begeben, sich selbst reflektieren, eine Vision für sich formulieren, auch alternative Optionen ausloten und daraus eine passende strategische Karriere-Roadmap für sich entwickeln. 

Zum Thema Ich-Marke und Karriereplanung haben wir mit Euch und einem renommierten Autorenteam gerade den W&V Report „Marketeer in Transformation“ herausgebracht. Bei Euch beiden hat sich in der jüngsten Vergangenheit beruflich einiges bewegt. Inwieweit war das ein Treiber für den W&V Report?  

Nicole Kremer: Stimmt: Ich habe gerade noch mal zu einer internationalen Personalberatung im Executive Search, zu Odgers Berndtson, gewechselt. Davor hat mich meine Karrierereise 20 Jahre lang durch Beauty-Konzerne in Marketing & Sales sowie Geschäftsführungspositionen geführt. Dann bin ich sozusagen gesprungen, um mich selbstständig zu machen. Über eine Ausbildung zum Business-Coach habe ich mich dann mehr und mehr in Richtung Karriereberatung entwickelt. So schöpfe ich definitiv aus eigener Erfahrung, aber inzwischen auch aus der Begleitung von mehreren hundert Top-Managern. Und ja, diese vielen Erfahrungen aus der Praxis mal niederzuschreiben, war ein wichtiger Treiber für den W&V-Report.

Christiane Wolff: Ich habe schon zu Beginn meiner Karriere mein Frauen Netzwerk „Nettwerk“ gegründet, nebenberuflich einen MBA absolviert und bin bis heute neugierig und immer auf der Suche nach neuen Erfahrungen, Kompetenzen, Themen und Ideen. Und habe in den letzten beruflichen Stationen vermehrt die Themen Personenmarken und Thought Leadership vorangetrieben. So war es jetzt nur an der Zeit und konsequent, dieses gesammelte Wissen und die einzelnen Bausteine, die es für eine Karriereplanung und Umsetzung benötigt, gemeinsam mit einem Kompetenzteam auf die Straße zu bringen.

Welche wesentlichen Themen oder Baustellen muss man als Marketeer angehen, wenn man an seiner Ich-Marke, seiner Karriere feilen will?

Nicole Kremer: Über die Jahre der Karriereberatung habe ich eine gewisse Methodik entwickelt, die eine sehr strategische Herangehensweise an die Karriereplanung nahelegt: Mit dem Boxenstopp, dem Sich-Selbst-Spiegeln und feststellen, wo man im Karriere-Lebenszyklus steht, fängt es an. Der nächste Schritt ist die Entwicklung einer Vision, wohin man ultimativ eigentlich will und der Festlegung der dazu notwendigen Meilensteine. Dann geht es darum, seine Stärken zu kennen und auch pointiert und prägnant darstellen zu können, sozusagen die eigene Ich-Marke zu kreieren. Wer dann am Markt relevant bleiben will, gerade im Marketing, darf sich selbst unbedingt kontinuierlich weiterbilden, um im Zeitalter der digitalen Transformation zu bestehen. Genau damit beschäftigt sich der erste Teil des W&V Reports und führt in einer sehr praxisnahen Anleitung Schritt für Schritt zur eigenen Karriere-Roadmap. Und im zweiten Teil geht es darum, mehr Visibilität im Unternehmen selbst, aber auch nach außen zu erlangen, um von Personalberatern wie mir, auch gefunden zu werden.

Christiane Wolff: Die eigene Geschichte nicht nur zu kennen, sondern sie auch spannend zu erzählen, ist die Basis für die nächsten Schritte. Die haben wir mit Katja Schleicher, die ich übrigens bei einem W&V-Seminar kennen lernen durfte, eine großartige Expertin gefunden. Im nächsten Schritt muss ich für mich überlegen, welche Kanäle die richtigen sind, in denen ich mich auch wohl fühle. Das sollte unbedingt Linkedin sein. Kathrin Koehler liefert hier im W&V Report einen smarten Ansatz und Leitfaden, um hier die ersten Schritte zu machen und ein Konzept zu erstellen. Es darf im professionellen Kontext aber auch Instagram sein – das haben viele Marketeers noch nicht auf dem Schirm. Wie das funktioniert zeigt, Social-Media-Experte Alex Kahn ganz praxisorientiert. Und um die nächsten Karriereschritte zu gehen, ist ein Netzwerk heute unverzichtbar. Genauso wie ein Kompetenzteam, das ich mir nach meinen eigenen Zielen und bewusst aufbauen sollte. Immer wenn ich etwas nicht weiß, frage ich jemanden aus meinem Netzwerk. Und so haben wir auch im Report die Besten gefragt, was ihre Karriere und ihr Netzwerk besonders erfolgreich macht und diese Gespräche als Anhang in den W&V Report eingefügt. Denn von den Besten lernen ist immer ein guter Tipp!

Gab es dabei auch Learnings, die sogar Euch noch überrascht haben? 

Christiane Wolff: Wirklich überrascht nicht, aber noch mal extrem verstärkt. Wie wichtig es ist, einen Karriereplan und ein Ziel zu haben und sich immer wieder zu fragen, ob ich gerade in die richtige Richtung laufe. Da helfen regelmäßige Boxenstopps. Und sicher ist ein Marketeer oder CEO die beste Marke für eine Marke und kann als Corporate Influencer einiges bei Konsumenten, aber auch bei den anderen Mitarbeitern im Sinne des Employer Branding bewirken. Wie sehr sich das auf den Sozialen Medien und auf der Bühne verbinden lässt, habe ich durch diese Interviews noch einmal ganz bewusst vor Augen geführt bekommen.

Nicole Kremer: Was einige CEO’s heutzutage schon längst tun, sollten Marketeers auch: die Chance als Corporate Influencer nutzen, um das Image des Unternehmens zu pushen, aber damit auch die Ich-Marke zu prägen, intern wie extern. Dabei helfen ein pointiertes Personal Branding und eine passende Kommunikationsstrategie. Die sozialen Medien geben eine breite Plattform, sich als Experte darstellen zu können und so auch für Visibilität in eigener Sache zu sorgen. Als Selbständige habe ich gerade in den letzten 12 Monaten gesehen, welchen Stellenwert Social Media für die Selbstvermarktung einnimmt. Das kann tatsächlich viel Zeit kosten. Die Idee, dafür ein Kompetenzteam zu nutzen, habe ich durch Christiane erfahren. Und die Überraschung war phänomenal, denn wir konnten mit unseren Co-Autoren im W&V Report sozusagen die Probe aufs Exempel machen. Das heißt, ich werde tatsächlich weitere Experten auch in mein Kompetenzteam holen.

"Den eigenen Weg zu finden, ist in den sozialen Medien eine der Grundvoraussetzungen für Erfolg"

Christiane Wolff

Selbstvermarktung kann auch leicht in Selbstdarstellung münden - wie schafft man es, die feine Linie zu treffen? Oder anders rum gefragt: Was tun, wenn man in Sachen Eigenvermarktung einfach nicht so laut sein will oder kann?

Christiane Wolff: Den eigenen Weg zu finden, ist in den sozialen Medien eine der Grundvoraussetzungen für Erfolg, denn es muss authentisch sein und zu mir passen. Auf welchen Kanälen fühle ich mich wohl und mit welcher Frequenz? Und wie viel von meiner Person oder meiner eigenen Meinung kann und mag ich öffentlich machen? Hier den richtigen Gradmesser zu finden, muss immer wieder aufs Neue analysiert und angepasst werden. Auch hier ist das eigene Kompetenzteam eine große Hilfe: einfach fragen, wie ich wahrgenommen werde und ob Eigen- und Fremdbild übereinstimmen.

Zum Schluss: Welchen persönlichen Tipp habt Ihr, die Arbeit an der Ich-Marke nicht aufzuschieben, sondern morgen anzufangen?

Nicole Kremer: Was sind die größten Erfolgsverhinderer? Aufschieberitis und Selbstverliebtheit! Also, sitz vorne im Bus, vorne am Steuer, und entwickle deine Karriere-Roadmap! Erfolg kommt bekanntlich von Tun. Und lass dich von deinem Kompetenzteam unterstützen, damit deine Selbstvermarktung nicht in Selbstdarstellung „ausufert“!

Christiane Wolff: Schlaue Menschen einfach fragen, in welchem Netzwerk sie erfolgreich unterwegs sind. Einen eigenen Netzwerk-und Karriere-Wochenplan machen. Einmal die Woche jemanden neuen treffen, zum Mittagessen beispielsweise. Das darf man jetzt ja glücklicherweise wieder tun!

W&V Report Marketeer in Transformation

Wie sieht es bei Ihnen aus? Das Daily Business hat Sie fest im Griff? So fest, dass Sie glauben, keine Zeit für Selbstreflektion und Arbeit an der "Ich-Marke" zu haben? Oder sind Sie gerade dabei, sich umzuorientieren, wissen aber nicht wohin? Ob Einsteiger, Umsteiger oder Weitermacher: Der neue W&V Report "Marketeer in Transformation" unterstützt Sie dabei, Ihre eigene clevere  Karriere-Strategie zu entwickeln - vom Selbst-Check über Weiterbildung bis zum Netzwerken, mit jeder Menge Tipps und Insights von erfahrenen Profis. 

Mehr Infos finden Sie hier



Autor: Christiane Treckmann

Als Redaktionsleiterin von W&V verantwortet Christiane Treckmann die redaktionelle Begleitung von W&V Data, die W&V Reports sowie diverse Sonderprodukte. Ihr Motto: Nutzwert statt Buzzword-Bingo. Ihre Interessen: Menschen, Marken, Medien - analog wie digital.